Forschendes Lernen an der Birger-Forell-Grundschule

Forschendes Lernen an der Birger-Forell-Grundschule
Von Luftschlössern und Wasserschlachten. Ein Besuch in der Lernwerkstatt der Birger-Forell-Grundschule.

An der Tür klebt ein handgeschriebener Zettel: Luftwerkstatt. So können alle sehen, dass sich in diesem Halbjahr in der Lernwerkstatt im Untergeschoss der Birger-Forell-Grundschule alles um das Thema Luft dreht. Gestern hat die Konrektorin sogar eine große, schwere Vakuumpumpe an der Uni ausgeliehen. Heute fangen die Schülerinnen und Schüler aber erst einmal klein an. Acht Stationen mit Versuchen hat Lehrerin Franziska Frey aufgebaut. Auf jedem Tisch liegt ein Stationsblatt. „Lernwerkstatt ist ja nicht NaWi, sondern ein Raum, in dem man anders an Fragen herangehen kann und in dem Kinder individuell an ihren Themen arbeiten“, erklärt Franziska Frey.
 
Wer arbeitet zusammen? Jeweils ein Mädchen oder Junge aus einer fünften Klasse und ein Kind aus einer JÜL-Klasse forschen gemeinsam, die Teams sind schnell gebildet. Der achtjährige Florian und der zehnjährige Frederik haben sich für den vierten Versuch entschieden – sie erwärmen Luft und lassen sie wieder abkühlen. Wie das geht? Das lesen sie auf ihrem Stationsblatt.
Mit Hilfe ihrer Lehrerin füllen die Jungen ein Bassin mit sehr warmem Wasser. Dann zieht Frederik einen apfelgrünen Luftballon über die Öffnung eines Erlenmeyerkolbens und Florian einen orangefarbenen. Als die beiden ihre Kolben nun in das warme Wasser im Bassin stellen, pumpt die warme Luft die Ballons ein wenig auf, genau wie Frederik und Florian das zuvor bereits vermutet und notiert hatten.
Der Nachbartisch ist schon ganz nass. Hier forschen Tina, Jül, Anushi und Laureen. Sie haben ein Glas kopfüber in ihr Bassin gestülpt, auf dessen Boden sie ein Stück Küchenkrepp befestigt haben. Außerdem haben sie kleine Papierkügelchen in eine Teelichtschale aus Alu gelegt und schwimmen lassen. Nun stülpen sie auch über diese kleinen „Boote“ ein Glas. Alle sind gespannt, von allen Seiten strecken die Mädchen die Hände aus, es gibt ein großes Hallo. Und die Erkenntnis: Nur wenn das Glas ganz gerade auf die Wasseroberfläche aufgesetzt wird, blieben Papier und Kügelchen trocken. Aber es macht eben auch sehr viel Spaß zu schauen, was passiert, wenn man das Glas anschließend schief aufsetzt...
 
Auch am Anfang der Lernwerkstatt stand gewissermaßen ein Wasserschaden. In einem benachbarten Hort waren die Räume nur noch bedingt nutzbar. Neue Räume mussten her – und die Remisen im Hof der Birger-Forell-Grundschule schienen perfekt geeignet. Zuvor war dort der Werkstattbereich der Schule untergebracht, für den sollte jetzt das Kellergeschoss der Grundschule ausgebaut werden.
Wie wäre es aber, wenn dort im Untergeschoss nicht nur der neue Werkraum, sondern auch eine Lernwerkstatt eingerichtet würde? Zwei benachbarte Räume, durch eine Tür miteinander verbunden, so dass die Kinder sich beim Werken wie auch beim Forschen ausbreiten und auch mal zurückziehen können?
 
An einem Studientag an der Malchower Grundschule im Grünen hatte das Kollegium bereits einiges über die dortige Lernwerkstatt gehört. Außerdem war die Grundschule bei der vorletzten Schulinspektion im Jahr 2009 dazu aufgefordert worden, stärker an der eigenen Schulentwicklung zu arbeiten (s. nebenstehenden Artikel). Eine der dazu angebotenen AGs beschäftigte sich mit ‚Schulgestaltung und Lernwerkstatt’. „Wir waren alle von der Idee der Lernwerkstatt derart angetan, dass wir gar nicht mehr dazu kamen, ein Konzept zur Schulgestaltung zu entwickeln“, erinnert sich Lehrerin Franziska Frey. Als eine der drei Kolleginnen, die damals in der AG aktiv waren, gehört sie jetzt zum festen Team der Lernwerkstatt.
Schließlich war das gesamte Kollegium der Birger-Forell-Grundschule überzeugt. Die Entscheidung für die Einrichtung einer Lernwerkstatt fiel einstimmig. Und der Zeitpunkt war günstig: „Durch die notwendigen Renovierungen erhielten wir nicht nur tolle Räume, sondern auch gleich eine tolle Ausstattung und durften uns sogar die Möbel aussuchen“, freut sich Franziska Frey. Auch bei allen Baubesprechungen hätten sie mit dabei sein dürfen. 
 
„Das ist Luxus, was wir hier haben“, sagt auch Schulleiterin Monika Blau. Trotzdem sei auch viel Eigeninitiative notwendig gewesen. So habe Konrektorin Beate Hultsch etwa an einer Sitzung teilgenommen, in der es um Konzepte zur Raumveränderung ging. Gleich am nächsten Tag habe sie in der Schulverwaltung angerufen: Wir haben hier ein Konzept und wir hätten gern einen Termin, um darüber zu reden. Monika Blau lacht: „Bis es dann endlich soweit war hatten wir das Konzept auch fertig...“
Lehrerin Franziska Frey betont, dass es in der Lernwerkstatt aber nicht allein auf das Material ankomme, sondern auch auf die Idee, die dahinter stehe. So wurde zum Beispiel schon bei der Möblierung bewusst an alle Jahrgänge gedacht. Auf den blauen Stühle mit den Fußrasten können kleine wie große Schülerinnen und Schüler bequem sitzen – auch dies ein Garant für geglückte jahrgangsübergreifende Projekte. Die dreieckigen Tische lassen sich je nach Bedarf zu Gruppenarbeitsplätzen zusammen stellen. In den Regalen, aber auch in den neuen, blauen Metallschränken im Flur, lagern Lineale, Pinzetten, Siebe, Taschenlampen, Personen- und Küchenwaagen, Zollstöcke und natürlich viele Bücher. Auch der Förderverein steuerte 1000 Euro Materialgeld bei.
 
Vor einem Dreivierteljahr erst wurde die Lernwerkstatt eingeweiht – letztlich befindet sie sich noch in der Erprobungsphase. „Unsere Kinder gehen jetzt schon begeistert in die Lernwerkstatt und wissen, wo sie hier alles finden“, sagt Konrektorin Beate Hultsch. Trotzdem brauche die Entwicklung noch viel Zeit. „Projektarbeit ist fantastisch, aber man schafft nie alles, was man sich vorgenommen hat“, sagt sie. Deswegen träfen sich die Kolleginnen und Kollegen nun alle vier Wochen zu einer Zwischenbilanz. Außerdem wurde im vergangenen Oktober ein Studientag komplett dem Thema Lernwerkstatt gewidmet und ganz bewusst auch vor Ort in der Schule durchgeführt.
In diesem Halbjahr wird die Lernwerkstatt – abgesehen von den Luftexperimenten – mehr handwerklich genutzt. Im letzten Jahr traf man sich hier zum ‚Philosophieren und Forschen’. Franziska Frey könnte sich da als Fortsetzung gut eine nachmittägliche philosophische AG in der Lernwerkstatt vorstellen. Außerdem freut sie sich, dass schon zwei Mal Kindergarten-Kinder zu Besuch in der Lernwerkstatt waren. Eine Kollegin, die sich sehr für den Übergang von Kita zur Schule engagiert, hatte sie eingeladen. „Momentan entwickelt sich unsere Lernwerkstatt je nach Bedarf weiter“, erklärt Franziska Frey. Und das ist auch amtlich – inzwischen ist die Lernwerkstatt als ausgewiesener Entwicklungsschwerpunkt der Schule anerkannt.
 
Text: Beate Köhne