„Es liegt an uns, die Eltern zu erreichen!“ // 08. und 09. März 2018

Für viele Ganztagsschulen ist das Thema „Elternarbeit“ substantiell, wird bislang jedoch wenig berücksichtigt. Zu den Fragen, die sich in der Arbeit mit Eltern stellen, hat die Serviceagentur „Ganztägig lernen“ Berlin in der zweiten Märzwoche zwei Tagungen ausgerichtet und begrüßte zwei interessierte und diskussionsfreudige Gruppen aus Grund- und Oberschulen. Mit viel Praxisbezug und Humor hat sich der Referent Matthias Bartscher über gängige Stereotype in der Elternarbeit hinweggesetzt. Sein Credo „Es liegt an uns, die Eltern zu erreichen“ war der Leitgedanke der Veranstaltung. Nach wie vor hängt der Bildungserfolg von Schüler*innen zu 63 Prozent von Einflüssen aus der Familie ab. Bereits eine Mahlzeit am Tag, die mit der Familie gemeinsam eingenommen werde, so Bartscher, führe zu einem Lernvorsprung eines ganzen Schuljahres.

Der Abschied von "den Eltern"

Die soziokulturellen Milieus der DELTA-Studien, vormals Sinus-Milieus, bildeten den Kern des Vortraga. Eltern lassen sich hinsichtlich ihrer sozialen Schicht und den traditionellen oder progressiven Werten, die sie vertreten, unterscheiden und damit als Zielgruppe identifizieren, die bewusst angesprochen werden soll. „Die Eltern“ als homogene Gruppe gibt es nicht.

Ursprünglich wurden die Sinus-Milieus für Marktforschungs- und letztlich Verkaufszwecke entwickelt. Auch für Pädagog*innen in Ganztagsschulen ist es wichtig, ihre Zielgruppe zu kennen und zu erreichen. Zum Beispiel für einen Elternabend zum Thema „Umgang mit Medien“ oder „Grenzen in der Erziehung“. „Diese marktorientiere Denkweise“, so Bartscher, „ist in Bildungskreisen häufig verpönt, jedoch sehr hilfreich.“ Sie hilft auch, allzu simple Unterscheidungen wie „leichte und schwierige Eltern“ oder „mit und ohne Migrationshintergrund“ aufzugeben. Für viele deutsche bürgerliche Familien ist es zum Beispiel einvernehmlich, dass ihr Kind eine gute Schulbildung erhalten soll, um sein späteres Einkommen zu sichern. Und in diesem Punkt unterscheiden diese sich nicht von migrantischen Familien aus demselben mittelständischen Milieu. Nicht zuletzt kamen die Teilnehmenden selbst darüber zum Nachdenken, vor welchem soziokulturellen Hintergrund sie sich sehen.

Motivierende Gesprächsführung

Die Motivierende Gesprächsführung (motivational interviewing) bildete einen zweiten großen, inhaltlichen Block des Fachtages. Der Beratungsansatz stammt aus der Arbeit mit suchtkranken Menschen und verzichtet auf ein konfrontatives Vorgehen. Ziel ist es, eine Verhaltensveränderung (in diesem Fall bei den Eltern) durch intrinsische Motivation zu erwirken. Fernab von Belehrungen und verhärteten Fronten. In einem Rollenspiel waren die Teilnehmenden dazu aufgefordert, ihr Geschick darin zu erproben, vielgehörte und unbeliebte Aussagen aus Elterngesprächen abzufangen und das Vertrauen zu einem imaginierten Elternteil zu gewinnen. Wie etwa kann man als Pädagog*in Eltern erreichen, die einen nicht ernst nehmen wollen, da man selbst keine Kinder hat?

„Stellen Sie sich einen Vater oder eine Mutter vor, die Sie ganz furchtbar finden.“ Nicht immer politisch korrekt, aber plastisch fielen die Hilfestellungen von Matthias Bartscher aus. Empathie, Einfühlungsvermögen und seinen Standpunkt authentisch zu vertreten, können Wege sein, Eltern auf einer persönlichen Ebene anzusprechen und für eine funktionierende Zusammenarbeit zu gewinnen.

Methodisch-ddaktische Gestaltung von Elternangeboten

Dimensionen der Elternbildung sollen idealerweise immer Wissen, Selbstreflektion, Handlungskompetenz und Vernetzung beinhalten. Und die Gestaltung von Settings impliziert bereits Bildungswerte! Es wird sich unterschiedlich aus, ob man Eltern zu einem Vortrag mit Redner*innen am Stehpult einlädt oder diese an einer intensiven Diskussion in einer Fishbowl-Runde beteiligt. Stets gilt es für Pädagog*innen im Hinterkopf zu behalten, welche Botschaft sie den Eltern vermitteln möchten und in welchem Rahmen dies am vielversprechendsten erscheint.

"Mir hat gefallen, einen Tag lang intensiv über ein Thema nachzudenken.“  Teilnehmende*r

Das Feedback zum Fortbildungstag war durchweg positiv. Die Teilnehmenden lobten insbesondere die Anschaulichkeit und Lebendigkeit und die Möglichkeit zum Erfahrungsaustausch.

„Es geht nicht darum, Gründe dafür zu finden, warum Dinge nicht klappen, sondern um deren Lösung.“ Teilnehmende*r