"Pädagogische Beziehungen zwischen Anerkennung, Verletzung und Ambivalenz - Reckahner Reflexionen zur Ethik pädagogischer Beziehungen" //14.05.2018

Gute pädagogische Beziehungen als Basis

Gute pädagogische Beziehungen sind das Fundament, damit Lehren und Lernen im Ganztag gelingen kann. Zu diesem Thema begrüßte die Serviceagentur „Ganztägig Lernen“ die Erziehungswissenschaftlerin Annedore Prengel am 14. Mai 2018 in der Psychologischen Hochschule Berlin. Die Reckahner Reflexionen, ein ethischer Leitfaden für Pädagog*innen, der 2017 von mehreren deutschen Instituten herausgegeben worden ist, bildete den Kern ihres Vortrages.

„Wie häufig werden Kinder und Jugendliche in Schulen durch Erwachsene verletzt?“ Das Feedback von Prengels Student*innen, die aus Schulhospitationen und Praktika in ihre Seminare zurückkamen, war entweder stark motiviert oder aber desillusioniert. Das bewog sie, dem Thema nachzugehen. Daraus hervorgegangen sind die INTAKT-Studien, eine Reihe an qualitativen Beobachtungen, in denen Interaktionen zwischen Pädagog*innen und Jugendlichen und Kindern dokumentiert worden sind. Mehr als 12.000 Interaktionsszenen sind in den letzten 15 Jahren zusammengetragen worden.

Diskriminierung, Sarkasmus, Beschämung. In einem Viertel der beobachteten Szenen haben sich die Lehrkräfte verletzend gegenüber ihren Zöglingen verhalten. In sechs Prozent der Fälle sehr verletzend und mitunter drastisch diskriminierend. Teilweise sind seriell immer die gleichen Kinder betroffen. „Weißt du, was mich richtig ärgert, dass du so unglaublich faul bist. So richtig schön dumm-faul.“, kommentierte etwa eine Lehrerin das Verhalten ihres Schülers.

Wohlweißlich geht es Prengel nicht darum, die gesamte Lehrerschaft unter Generalverdacht zu stellen, sich gegenüber den Schüler*innen mit mangelnder Wertschätzung zu verhalten. In allen Berufen kommt es zu professionellem Fehlverhalten. „Im Gegensatz zur Ächtung der Prügelstrafe“, so Prengel, „ist auf der Ebene der seelischen Verletzungen bisher wenig gearbeitet worden“. Und aktuell gäbe es kaum Wissen darüber, wie pädagogisches Fehlverhalten gesellschaftlich angesprochen werden könne. Etwa im Rahmen einer „Kunstfehlerlehre“ für Pädagog*innen. Denn Verletzungen blockieren Lernen.

Reckahner Reflexionen als Ausgangspunkt

In dieser Hinsicht können die „Reckahner Reflexionen“ ein Ausgangspunkt sein, um die pädagogische Praxis in Schulen neu zur Disposition zu stellen und ein wertschätzendes Miteinander zu gestalten. Reckahn – das ist eine Gemeinde, die im 18. Jahrhundert die philanthropische Musterschule des Ehepaares Friedrich Eberhard und Christiane Louise von Rochow beherbergte. In ihrer Tradition sehen sich auch Annedore Prengel und die Mitwirkenden am Verhaltenskodex der Reckahner Reflexionen. Das sind das Deutsche Institut für Menschenrechte in Berlin, das Deutsche Jugendinstitut in München, das MenschenRechtsZentrum in Potsdam und das Rochow-Museum und Akademie für bildungsgeschichtliche und zeitdiagnostische Forschung in Potsdam. „Es ist nicht zulässig, dass Lehrpersonen und pädagogische Fachkräfte Kinder und Jugendliche diskriminierend, respektlos, demütigend, übergriffig oder unhöflich behandeln“, lautet etwa die siebte Leitlinie.

Die SAG hatte zum Ziel, die Reckahner Reflexionen mit der entwickelten Ethik für pädagogische Beziehungen einem größeren Publikum bekannt zu machen und eine Diskussion zur Praxis in Schulen anzustoßen. Interessiert, engagiert und kritisch war die Diskussion, die sich unter den rund sechzig Teilnehmenden an der Fortbildung entwickelte. Deutlich wurde dabei unter anderem, dass viele an genau diesem Thema in Schulen und beim Träger arbeiten oder auch schon zum Teil verwirklicht sahen.

Die Materialien zu den Reckahner Reflexionen können unter den Webseiten des Instituts für Menschenrechte eingesehen werden unter: www.institut-fuer-menschenrechte.de/menschenrechtsbildung/bildungsmaterialien/reckahner-reflexionen/